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Ist eine korrekte Übersetzung auch wirklich gut?

Kann eine Übersetzung korrekt und gleichzeitig doch nicht besonders gut sein? Im Gegensatz zu einem technischen Gerät, das eine genau messbare Leistung erbringt, ist eine exakte Bewertung der Sprache nur schwer möglich. Es ist kein Zufall, dass abgesehen von kurzen Sätzen kaum zwei Übersetzer dieselbe Übersetzung produzieren. Von der Kognitionswissenschaft wissen wir, dass jeder Mensch die Realität etwas unterschiedlich versteht und auf individuelle Formulierungen zurückgreift.

Die Suche nach der perfekten Übersetzung hat also viel mit persönlichen Vorlieben und Wahrnehmungen zu tun. Die Diskussion ist in Hinblick auf den Arbeitsaufwand und auf die Kosten von Übersetzungen nicht ganz sinnlos.

Es steht ja außer Frage, dass manche Übersetzungen qualitativ besser sind als andere. Was macht den Unterschied aus, ab wann lohnt es sich, den Aufwand in Hinblick auf ein gutes Übersetzungsergebnis zu betreiben?

Das Mindeste, das man von einer Übersetzung erwarten darf, ist, dass sie korrekt ist. Und "korrekt" bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass die Übersetzung nicht falsch ist:

  • Der übersetzte Text entspricht der Aussage des Ausgangstexts.
  • Die Übersetzung enthält keine Fehler.
  • Die Übersetzung ist grammatikalisch richtig.

Für viele, die konkurrenzlose Preise anbieten, endet die erbrachte Leistung bereits hier. Man kann ihnen im Grunde nicht vorwerfen, dass sie eine falsche Übersetzung geliefert haben: Man versteht die Übersetzung und diese Übersetzung gibt den Sinn des Ausgangstextes wieder. Vergleicht man eine solche minimalistische Übersetzung mit einer qualitativ höherwertigen Übersetzung, fallen die Unterschiede sofort auf. Zuerst einmal bei der Fachterminologie, die recherchiert und konsistent ist und den Vorgaben bzw. den branchenüblichen fachgebietsspezifischen Termini entspricht. Aber auch in Bezug auf den Satzbau und den Stil, der weniger einer wortwörtlichen Übersetzung ähnelt, sondern vielmehr fließend formuliert ist und so wirkt, als ob der Text in der Zielsprache geschrieben worden wäre. Solche professionellen Übersetzungen sind kein Zufallsprodukt. Sie sind vielmehr das Ergebnis eines umfassenden Qualitätskonzepts, beginnend mit der Auswahl qualifizierter und erfahrener Fachübersetzer bis hin zu einer gründlichen Qualitätssicherung, ganz zu schweigen von den Nebenschauplätzen wie Terminologieaufbau, Translation-Memory- Pflege oder systematischer Projektvorbereitung.

Ganz unten auf der Skala korrekter Übersetzungen findet man die posteditierten maschinellen Übersetzungen. Besonders bei Managern oder Einkäufern, für die Übersetzungen verständlicherweise eher ein Fremdwort sind, herrscht immer wieder die Vorstellung, dass man die Übersetzungskosten deutlich senken könnte, wenn man Texte maschinell übersetzt, um sie anschließend von Lektoren oder Übersetzern korrigieren zu lassen. Im Fachjargon heißt dieses Verfahren PEMT (Post Editing of Machine Translation), für das es inzwischen einen Normentwurf (ISO-18587 standard for machine translation output post-editing) gibt.

Manche unterscheiden dabei zwischen Posteditieren "light" und "full", je nachdem, wie intensiv rein sprachliche Fehler beseitigt werden. Am Ende des Prozesses können korrekte Übersetzungen entstehen. Das Verfahren ist nicht ohne Risiko, weil viele Maschinenfehler nicht so sehr etwas mit Stil und Sprache zu tun haben, sondern vielmehr richtige Verständnisfehler beinhalten, die man nur herausfinden kann, wenn man Ausgangstext und Übersetzung miteinander vergleicht. Bei PEMT ist es nicht immer der Fall. Folgendes Beispiel veranschaulicht, was man unter "korrekt" erwarten kann.

DE Erst wenn die Maschine ganz stillsteht, darf daran gearbeitet werden.
EN (Mensch) Do not work on the machine until it has come to a standstill.
EN (PEMT) It is only when the machine is completely still that it is allowed to work.

Hier ist ersichtlich, dass die posteditierte Version keineswegs falsch ist. Die Anweisung ist verständlich und stimmt mit der deutschen Aussage überein. Der Leser wird sie jedoch als etwas seltsam empfinden, da sie relativ wörtlich bleibt und sich stark am Satzbau der Ausgangssprache orientiert. Vorwiegend für Dokumente mit niedrigem Qualitätsanspruch oder für internes Material wie Berichte vom technischen Support können sich posteditierte maschinelle Übersetzungen eignen.

Bei technischer Literatur wie Betriebsanleitungen oder Datenblättern könnte man der Meinung sein, dass es nicht so wichtig sei, wie schön ein Satz klingt, solange er nicht falsch ist und der Benutzer die Information erhält, die er braucht. In der Tat macht es wenig Sinn, den Stil eines trockenen Dokuments wie eines Reparaturleitfadens mit großem Aufwand aufzupolieren. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Übersetzungen, die nur oberflächlich oder gar nicht geprüft werden, ungebräuchliche Fachtermini oder missverständliche Formulierungen enthalten können, ohne von den unbemerkten Übersetzungsfehlern zu reden. Dadurch entsteht die Gefahr, dass der Leser die übersetzte Information falsch versteht. Während Unternehmen auf der einen Seite viel in die Qualität ihrer Produkte investieren und auch damit werben, wirkt die mittelmäßige oder gar schlechte Qualität der Übersetzungen diesem Ziel entgegen.

Bei inhaltlichen oder stilistisch anspruchsvollen Texten wie Patenten, Verträgen oder Marketingtexten wäre eine Beschränkung auf rein korrekte Übersetzungen ein echter Fehler. Es steht zu viel auf dem Spiel, um sich leisten zu können, dass die Übersetzung alles andere als gut ist.

Sicherlich spielen Kosten überall eine Rolle und jedes Unternehmen muss wirtschaftlich arbeiten. Wenn sie ernsthaft umgesetzt werden, sind Qualitätssicherungsmaßnahmen wie die Qualifizierung von Übersetzern, der Aufbau von Terminologie oder das Prüfen von Übersetzungen nach dem Vier-Augen-Prinzip durch geeignete Lektoren ein Kostenfaktor, genau wie übrigens die Qualitätssicherungsmaßnahmen für die Produkte des Unternehmens. Diese Kosten zu sparen hat aber seinen Preis.

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