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Sprache = Sprache?

Würde man einen Autohändler nach dem Preis eines Autos fragen, ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen, dann würde man bestenfalls auf Verwunderung stoßen. Bei Sprachen verhalten wir uns aber oft so, als ob eine Übersetzung ins Französische nicht viel anders als eine Übersetzung ins Ungarische wäre. Das ist natürlich verständlich, denn wer kennt schon die Unterschiede zwischen den ca. 30 Hauptsprachen, in die regelmäßig in deutschen Unternehmen übersetzt wird?

Jede Sprache funktioniert anders, und das bleibt nicht ohne Folgen für die Arbeit von Redakteuren, Übersetzern und Revisoren. Die Unterschiede betreffen viele Aspekte der Kommunikation, von der Morphologie (Beschaffenheit der Wörter) über die Syntax bis hin zur Semantik (Vermittlung von Bedeutungen).

Als Erstes unterscheiden sich die Sprachen in ihrer Morphologie. Es gibt grundsätzlich zwei Grundtypen, zwischen denen sich die Sprachen bewegen: 1) Die isolierenden Sprachen Morpholo und 2) Die synthetischen Sprachen, die wiederum einige Varianten enthalten. Für die isolierenden Sprachen (auch analytische Sprachen genannt) haben die Wörter nur eine einzige Form, d. h. sie verwenden keine Morpheme wie Suffixe, Infixe oder Affixe, um Informationen zu vermitteln. Chinesisch ist ein typisches Beispiel für eine isolierende Sprache. Informationen, die zum Beispiel im Deutschen über eine Dativ-Konstruktion ausgedrückt werden, müssen im Chinesischen aus dem Kontext bzw. über die Syntax gewonnen werden. Beispiel: "wer" bzw. "wem" in folgenden Sätzen:

  • Wer hilft diesem Studenten?

Wer(谁) hilft(帮助)diesem(这个)Studenten (学生)?

  • Wem hilft dieser Student?

这个 (dieser) 学生 (Student) 帮助 (helfen) 谁 (wem) ?

Bei den synthetischen Sprachen kommt ein Teil der Informationen über Morpheme wie z. B. Flexionsmorpheme. In manchen Sprachen verändern Flexionen den Stamm von Wörtern. Je nach Variante können diese Morpheme sehr komplex sein. So ist bei einer agglutinierenden Sprache wie Finnisch ein Wort wie "taloissani" (= "in meinen Häusern") so zu zerlegen: "talo" ("Haus") + "i" (Plural) + "ssa" ("in") + "ni" ("mein"). Die Sprachmorphologie hat einen großen Einfluss auf die Terminologieerkennung durch Softwareprodukte, die Redakteure oder Übersetzer einsetzen.

Beim Genus weisen Sprachen ebenfalls Unterschiede auf. Bestimmte Sprachen kennen gar kein Genus, während andere zwischen Geschlechtern unterscheiden und weitere deutlich komplexere Kategorien kennen. Auch bei der Auswahl des passenden Sprachregisters gehen Sprachen unterschiedlich vor. Manche Sprachen sind relativ informell und kennen nur eine Anrede (zum Beispiel das "you" in Englisch), andere berücksichtigen das Geschlecht bzw. die Position des Ansprechpartners in der Gesellschaft, wie es bei Japanisch der Fall ist.

Die Zählweise ist ein weiterer übersetzungsrelevanter Aspekt, denn nicht alle Sprachen kennen wie im Deutschen die zwei Formen Einzahl und Mehrzahl. Einige Sprachen verwenden weitere Kategorien, wie Arabisch mit drei Numeri (Singular, Dual und Plural). Ferner sind die Regeln zur Bildung von Termini unterschiedlich. Viele indogermanische Sprachen wie Deutsch, Schwedisch oder Niederländisch bilden Komposita, die oft drei oder vier Komponenten haben. Komposita lassen sich auch über ein gemeinsames Hauptwort kombinieren ("Bohr-, Fräs- und Drehbearbeitung"). Das ist für die automatische Terminologieerkennung durch Translation-Memory-Systeme eine große Herausforderung. Englisch oder romanische Sprachen dagegen greifen bevorzugt auf Mehrwortbenennungen zu, sodass in diesen Sprachen die Terminologieextraktion einen etwas komplexeren Prozess darstellt. Auch bilden die extrahierten Wortgruppen nicht immer feste Wortverbindungen. So ist es z. B. in einigen Sprachen wie Französisch möglich, Adjektive innerhalb eines Mehrwortterminus einzufügen, was die Terminologieerkennung durch verschiedene Tools erschwert: "linkes Löseventil" / "soupape gauche de décharge".

In der Syntax unterscheiden sich die Sprachen stark voneinander. Es wurde versucht, Sprachen nach typischen Reihenfolgen von Subjekt, Verb und Objekt zu gruppieren (SVO, SOV, VSO), aber diese Klassifikation verliert an Bedeutung, sobald die Sätze komplexer werden. Ferner verwendet nicht jede Sprache die syntaktischen Regeln gleich einheitlich und zwingend. Manche Sprachen lassen mehr syntaktischen Formulierungsfreiraum zu als andere. Anders ausgedrückt findet man in einigen Sprachen für dieselbe deutsche Aussage mehr Formulierungsvarianten als in einer anderen Sprache, was z. B. bei der Bewertung von MarketingÜbersetzungen eine Rolle spielt. Dieser Aspekt wird in der Zukunft bei der Lokalisierung von ChatBots eine Rolle spielen, wenn es darum geht, Standardsätze in eine andere Sprache zu übertragen und nicht mehr nur 1:1 zu übersetzen.

Schließlich zeigt der Umfang des Wortschatzes einzelner Sprachen, dass die Sprachen eine Realität mehr oder weniger präzise beschreiben. Die englische Sprache hat etwa doppelt so viele Wörter wie die deutsche. Häufig zeigt sich dies bei Handlungsverben bzw. bei Verbalsubstantiven. Das deutsche Wort "lösen" kann z. B. im Englischen mit "release" (Bremse), "loosen" (Abdeckplatte) oder "unscrew" (Schraube) übersetzt werden.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Sprachen mit einem geringeren Wortschatz bestimmte Informationen nicht vermitteln können. Informationen, die präzise Einzelwörter nicht abdecken, können über Wortkombinationen (z. B. Kombination von Ideogrammen bei neuen technischen Begriffen im Chinesischen), mit syntaktischen Mitteln, über die Morphologie oder aus dem Kontext entnommen werden. Chinesisch hat weniger Wörter als Deutsch, ist dafür deutlich kontextabhängiger.

All diese Aspekte bleiben nicht ohne Folgen für die Organisation der Übersetzungsarbeit und für die Genauigkeit der Übertragung einer Information von einer Sprache in die andere. Es ist illusorisch zu denken, dass alle Übersetzer jederzeit dieselbe Information exakt in ihrer Sprache wiedergeben können. Das betrifft auch den technischen Bereich, bei dem der Übersetzer manchmal zu zusätzlichen Mitteln greifen muss, um Informationsdefizite zu kompensieren, die in seiner Sprache vorkommen können. Bei bestimmten Textsorten wie Marketingtexten kommen diese sprachlichen Unterschiede stärker zum Tragen.

Was bedeutet dies für die Arbeit von Redakteuren und Autoren? Es ist vor allem wichtig, dass sie möglichst auf Informationen verzichten, die stark kontextabhängig oder kulturell bedingt sind. In anderen Worten, sie müssen möglichst präzise und konsistent formulieren, um den Interpretationsspielraum gering zu halten. Das betrifft v. a. den Verzicht auf bevorzugt verwendete Oberbegriffe wie etwa "Gerät" (statt "Druckschaltgerät"), die je nach Sprache den Übersetzer vor nur schwer lösbare Fragen stellen.

Die obigen Ausführungen werfen außerdem ein besonderes Licht auf den Einsatz maschineller Übersetzungssysteme. Vieles, was Sprachen in ihrer morphologischen, syntaktischen oder semantischen Struktur voneinander unterscheidet, lässt sich automatisch kaum einwandfrei übersetzen. Nur der Mensch kann erkennen, welche Informationen präzisiert bzw. weggelassen werden können. Dienstleister, die mit den unterschiedlichen Eigenschaften von Fremdsprachen vertraut sind, sind dabei im Vorteil.

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