China: Verstehen und verstanden werden
Etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung spricht Chinesisch. Inzwischen ist Chinesisch mit 450 Millionen Anwendern nach Englisch (540 Millionen) die zweitwichtigste Sprache im Internet … und sicherlich bald die Erste.
Lange Zeit wurde China mit billigen Produkten und Arbeitskräften assoziiert.
Dieser Eindruck ist überholt. Der Lebensstandard wächst schnell, so auch das Qualitätsbewusstsein. Chinesische Unternehmen und Investoren sind international sehr aktiv wie das Beispiel des weltweit größten Maschinenbauers Shenyang Machine Tool Group zeigt. Bei Innovationen macht China ebenfalls Fortschritte.
Die Zahl der international angemeldeten Patente nimmt deutlich zu (2010 waren es 12.700 Anmeldungen beim Europäischen Patentamt). In einigen Branchen wie Windkraftanlagen, IT oder Telekommunikation bietet China innovative Technologien.
Für deutsche Unternehmen ist China ein zunehmend interessanter Markt. Der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken e.V. (VDW) notiert z. B., dass letztes Jahr etwa ein Viertel der Exporte dieser Branche nach China ging und rechnet mit einer weiteren Zunahme dieses Trends. Auch wächst die Anzahl der deutschen Unternehmen, die ihre Produkte in China fertigen. Teilweise exportieren sie ihre Produkte dann wieder.
Vor diesem Hintergrund ist ein Überdenken der bisherigen weitverbreiteten Praxis bei der Erstellung und Übersetzung von Dokumentationen und Informationen in Chinesisch vonnöten.
Lange haben Firmen nach dem Motto "Hauptsache billig" gearbeitet und ungeprüft chinesische Übersetzungen in Umlauf gebracht.
Dass die "preiswert" in Chinesisch übersetzten Texte oft auf Chinesen genauso wirken, wie auf uns die viel zitierten schlechten Übersetzungen aus Asien, ist dabei keinem in den Sinn gekommen. Auf dem selbstbewusster gewordenen chinesischen Markt ist dies aber ein Verhalten das immer weniger akzeptiert wird. In manchen Situationen kann das zu unangenehmen Reaktionen führen.
Das Kostengefälle zwischen China und Deutschland ist natürlich recht groß, wobei es im Reich der Mitte auch deutliche regionale Unterschiede gibt. In der Regel ist die Übersetzung einer Bedienungsanleitung in China für die Hälfte des hiesigen Budgets und manchmal für noch weniger erhältlich. Es ist zwar ein deutlicher Anreiz, aber was ist mit der sachlichen und sprachlichen Korrektheit der Übersetzungen?
Der chinesische Übersetzerverband Translators Association of China (TAC) schätzt, dass etwa eine halbe Million Menschen in China als Übersetzer arbeiten, wobei die Mehrheit das Übersetzen als Nebenberuf praktiziert.
Im Gegensatz zu den Fachübersetzern aus Deutschland und Europa verfügen die wenigsten über eine entsprechende Ausbildung, wie die folgenden Zahlen es veranschaulichen.
Zu den etwa 100 renommiertesten Universitäten Chinas, die Sprachstudenten ausbilden, zählt neben der 1907 von Deutschen gegründeten Tongji-Universität Shanghai die Fremdsprachenuniversität von Beijing (BFSU). Dieses Jahr studieren etwa 140 Studenten an der Fakultät für Übersetzungen und Dolmetschen der BFSU (GSTI), die den Studierenden einen gemeinsamen Abschluss als Übersetzer und Dolmetscher bietet. Die Zahl der Absolventen ist gemessen am Bedarf und an der Bevölkerung verschwindend gering. Viele dieser Absolventen streben eher nach einer besser bezahlten Tätigkeit als Dolmetscher für Behörden und Institutionen. Ein Blick auf die Mitgliederliste des TAC verrät, wie knapp die Liste der professionellen Übersetzer ist, die aus dem Deutschen übersetzen.
Viele Fachübersetzer für Technik sind also Quereinsteiger. Manche haben eine Ausbildung in einem technischen Beruf, aber nicht alle. Bei technisch komplexen Themen ist für viele chinesische Übersetzer das Verständnis des deutschen Textes und die Festlegung der entsprechenden Fachterminologie eine große Herausforderung. Nur eine relativ kleine Zahl von Übersetzern beherrscht die deutsche Fachsprache so, dass sie die Sachverhalte einwandfrei wiedergeben kann. Nicht jeder Übersetzer wird ohne Weiteres den Unterschied zwischen Schütz und Schutz erkennen oder auf Anhieb wissen, wofür die Abkürzung SPS steht. Ferner ist die Festlegung des passenden Fachterminus deswegen so anspruchsvoll, weil jedes Fachwort an und für sich eine kleine Definition ist. So besteht das Wort "Abwasser"(废水) aus den Zeichen 废 (Abfall) und 水 (Wasser).
Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass der Zugang zu Referenzmaterial und Hintergrundinformationen zum Gerät, zur Maschine oder zu bestimmten Richtlinien aus Deutschland in China nicht immer so einfach ist.
Da die Anzahl der Übersetzer, die des Deutschen mächtig sind, nicht gerade groß ist, greifen viele deutsche Unternehmen auf Englisch als Zwischensprache zu. Weniger als 1% der chinesischen Bevölkerung kann einigermaßen zuverlässig Englisch sprechen. Die Erfahrung hat wiederholt gezeigt, dass es zwischen einer deutschen und englischen Version auch inhaltliche und terminologische Abweichungen gibt. Das kann an unterschiedlichen Terminologienomenklaturen im Deutschen und im Englischen liegen.
Beim Lektorat kommt es immer wieder vor, dass ein Übersetzer aus dem Deutschen übersetzt, während der Lektor die englische Version als Referenz verwendet. Dies führt dann zu Diskussionen und zum Teil zu falschen Korrekturen.
Von der Verwendung einer Zwischensprache wie Englisch ist also abzuraten, wenn die Dokumentation ursprünglich in Deutsch verfasst wurde.
Der Einsatz von Translation Memory Technologien steckt in China noch in den Kinderschuhen. Das bedeutet nicht nur, dass unnötig höhere Kosten durch fehlenden Zugriff auf Wiederholungen entstehen. Inkonsistenzen in der Terminologie und bei der Formulierung kommen dadurch ebenso vor. Bei den wenigen Übersetzern, die mit Übersetzungstechnologien arbeiten, sind eher in China entwickelte Programme wie Yaxin CAT im Einsatz.
Darüber hinaus setzt eine kleine Gruppe von Übersetzern automatische Übersetzungsprogramme ein. Dies bestätigt die Praxis leider immer wieder. Im Allgemeinen verfügen viele Auftraggeber nicht über die erforderlichen Sprachkenntnisse, um die Qualität der chinesischen Übersetzungen zu beurteilen. Leider. Beispiele wie die automatische Übersetzung von "Maschine Ein" als "Maschine Nummer 1" belegen, wie gefährlich solche ungeprüften Übersetzungen sein können.
Was ist mit der Lokalisierung von Softwareprodukten, Displays o. ä.? Sie bringt auch Herausforderungen mit sich. Der Entwickler einer Handy-Software wird sich beispielsweise in China zusätzlich mit technischen Aspekten wie Eingabemethoden beschäftigen und für lokale Verbraucher interessante Funktionen wie die Verwendung des Mondkalenders anbieten. Die Lokalisierung von Inhalten für den chinesischen Markt bietet also kulturell wie auch technisch eine Vielzahl von Stolpersteinen. Man muss sie rechtzeitig bedenken und am Besten Spezialisten überlassen.
Welche Strategie im Hinblick auf chinesische Übersetzungen wählen? Die Zeit, in der ungeprüfte chinesische Übersetzungen in Umlauf gebracht werden durften, gehört der Vergangenheit an. Grundsätzlich besteht die Wahl zwischen folgenden Modellen:
a) Man hat einen Übersetzungspartner in China. Dieser arbeitet nachweislich nach vergleichbaren Standards wie die Übersetzungsnorm DIN EN 15038. Er setzt qualifizierte Übersetzer ein, die die deutsche Fachsprache auf hohem Niveau beherrschen.
Er lässt die Übersetzungen gegenlesen.
Ferner setzt er Translation Memory Technologien ein und baut eine Fachterminologie auf.
b) Man hat einen Übersetzungspartner in China.
Die Qualitätssicherung erfolgt durch einen zweiten Partner in Deutschland.
c) Man hat einen Partner in Deutschland, der die Arbeit seiner Übersetzer in China prüft bzw. der über eine Niederlassung in China verfügt, die nach hiesigen Standards arbeitet. Es ist für deutsche Unternehmen aufgrund der wachsenden Bedeutung des Marktes nun die richtige Zeit, ihre Übersetzungskonzepte für Chinesisch zu überdenken. Kunden und Verbraucher sind kritischer geworden und es kann lange dauern, bis ein durch mangelhafte Übersetzungen geprägtes schlechtes Image wieder bereinigt ist.
Aktuelles
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