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Neue Lesegewohnheiten im digitalen Zeitalter

Heute käme kaum jemand auf die Idee, im guten alten Brockhaus nach Informationen zu suchen. Es wird gegoogelt oder Alexa gebeten, einen Wikipedia-Artikel vorzulesen. Das Internet, Soziale Medien, WhatsApp, Pinterest, etc. ändern die Art und Weise, wie wir uns informieren. Diese neue Form des Lesens nennen manche Hyper-Reading als Gegensatz zum traditionellen Durchlesen eines Dokuments[1].

Es wäre naiv zu denken, dass die Änderung des Lese- und Suchverhaltens keine Auswirkung auf die Vermittlung technischer Informationen hat. Gehören Bedienungsanleitungen, wie wir sie kennen, bald ins Museum? Oder kann man sie dem neuen Leseverhalten anpassen?

Zunächst die wichtigsten Merkmale des Hyper-Readings. Der Leser sucht Informationen aus einer großen Menge an Texten im Internet. Mit der Zeit hat er sein Suchverhalten so trainiert, dass er relativ schnell das Wichtigste findet. Das prägt seinen Umgang mit Texten:

  • Das Lesen erfolgt meistens digital und am Computerbildschirm bzw. auf einem mobilen Gerät.
  • Es werden weniger komplette Inhalte durchgelesen, sondern Text im Eilverfahren überflogen und gezielt nach Stichwörtern abgescannt.
  • Hyper-Reading benutzt wenig Kontext, es sind eher kürzere als längere Texte. Das betrifft auch den Schreibstil: einfache Syntax, vereinfachtes Vokabular.
  • Texte machen verstärkt Gebrauch von typographischen Mitteln und Bildern, um Inhalte zu strukturieren.
  • Der Leser lässt sich von Links beeinflussen und betreibt Webseiten-Hopping.
  • Die Aufmerksamkeit und die Konzentration des Lesers sind relativ gering, die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Meistens hat der Leser weniger Chancen, sich mit den Inhalten gründlich zu beschäftigen.
  • Die Information wird nur einmal gelesen und selten wiederverwendet, sozusagen eine „Wegwerf-Information“.

Neurowissenschaftler untersuchen die Auswirkungen dieses Verhaltens auf das menschliche Gehirn und die Wahrnehmung von Informationen. Im Gegensatz zu der Sehfähigkeit ist Lesen nicht angeboren. Deswegen programmiert das Gehirn Areale zu diesem Zweck um. Verschiedene wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass die neue Form des Lesens das Lernverhalten und die Denkstrukturen der Leser beeinflusst.[2]

Was bedeutet dies für die technische Dokumentation? Moderne digitale Informationstechnologien beeinflussen zunehmend das Verhalten der Anwender. Sie bieten gleichzeitig neue Möglichkeiten, die die technische Redaktion nutzen sollte. Querlesen ist in Bezug auf technische Dokumentation ein berechtigtes Anliegen. Kein Anwender liest ein Handbuch aus Spaß an der Sache. In der Regel versucht er ein Problem zu lösen und möchte am liebsten die Antwort auf seine Frage sofort erhalten.

Eine erste wichtige Schlussfolgerung aus dieser Entwicklung ist die Bedeutung der Terminologie, denn Stichwörter spielen bei der Schnellsuche nach Informationen eine viel wichtigere Rolle als beim Lesen eines Handbuchs. Wenn die Terminologie nicht konsistent verwendet wird, erschweren die Synonyme und unterschiedlichen Schreibweisen dem Leser den Zugang zu den Informationen, die man vermitteln möchte.

Zudem verstärkt es den Bedarf an einem möglichst einfachen Schreibstil: einfache Syntax, kurze Sätze und Vermeidung von zu komplexen Fachwörtern. Das kommt anderen Zielen der technischen Dokumentation zugute: höhere Wiederverwendungsrate von Content und Übersetzungen, Maschinenlesbarkeit.

Der Umfang der Informationselemente wird sich auch anpassen müssen. Die Entwicklung wird mehr in Richtung kleinere und relativ autarke Informationseinheiten gehen.

Bei größeren Dokumenten muss der Leser die Möglichkeit haben, schnell zum benötigten Informationsabschnitt zu gelangen und diesen als kurze geschlossene Einheit innerhalb des Benutzerhandbuchs zu lesen. Dafür braucht er gute Orientierungsmittel (Inhaltsverzeichnis, Stichwortverzeichnis, Überschriften, Querverweise, Symbole, typographische Mittel), die ihn effizient führen.

Kurze Einführungen oder Zusammenfassungen bei jedem größeren Abschnitt helfen dem Leser beim Querlesen.

Die Digitalisierung der Gesellschaft bringt neue Kompetenzen für Redakteure und Übersetzer mit sich. Die sprachlichen Anforderungen werden komplexer: sie sollen schwierige Sachverhalte für Menschen und Maschinen auf einfache Art beschreiben. Vor diesem Hintergrund ist es ratsam, ältere Informationsbausteine im Redaktionssystem zu überprüfen und ggfs. zu überarbeiten.

 

[1] Hayles, N. Katherine. How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. Chicago: University of Chicago Press, 2012.

[2] The Emerging, Evolving Reading Brain in a Digital Culture: Implications for New Readers, Children With Reading Difficulties, and Children Without Schools. Maryanne Wolf, Catherine Ullman-Shade, Stephanie Gottwald. Journal of Cognitive Education and Psychology Volume 11, Number 3, 2012

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