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Übersetzungssysteme im Vergleich

In vielen Unternehmen sind Redaktionssysteme bereits Teil des Berufsalltags. Manche größere Unternehmen fragen sich nun, ob sie die Übersetzungsfunktion integrieren sollen. Das ist keine leichte Entscheidung, denn sie bringt neben kaufmännischen und technischen Änderungen eine Verlagerung der Kompetenzen und der Verantwortung für Fremdsprachen in das Unternehmen mit sich.

Es gibt viele Übersetzungsprogramme auf dem Markt. Selbst wenn man die Suche auf die bekanntesten Spitzenreiter beschränkt, bleiben genug Kandidaten übrig. Welche Kriterien sind für eine Auswahl des geeignetsten Programms zu berücksichtigen?

An erster Stelle steht die Übersetzungsfunktion. Vor lauter Prozessoptimierungsgedanken darf man nicht vergessen, dass es letztendlich darum geht, gute Übersetzungen zu produzieren. Es ist daher unabdingbar, dass das künftige System die Daten sprachgerecht (z.B. bei der Terminologieerkennung) verarbeitet, die Arbeit von Übersetzern effizient unterstützt und die Voraussetzungen für eine zuverlässige Qualitätskontrolle schafft. Genauso wie alles, was vier Räder, ein Lenkrad und einen Motor hat, noch lange kein gutes Auto ist, ist ein Übersetzungstool, das einen Übersetzungseditor, eine Terminologiefunktion und ein Translation-Memory hat, nicht automatisch ein gutes Translation-Memory-System.

Stand der Technik ist heute, dass Translation-Memory-Systeme folgende Komponenten beinhalten:

  • ein Translation-Memory (als Datenbank oder dateibasiert)
  • einen Übersetzungseditor, in dem der Übersetzer seine Übersetzung erstellt
  • ein Analysemodul, das Informationen über die Übersetzungsmengen (Wörter, Wiederholungen usw.) liefert
  • ein Terminologiemodul, das während der Übersetzung Terminologie anzeigt
  • verschiedene Filter für den Austausch von Daten mit unterschiedlichen Programmen (XML, Microsoft Office, InDesign usw.).
  • ein Qualitätssicherungsmodul, das etwaige Fehler des Übersetzers (falsche Terminologie, falsche Zahlen usw.) anzeigt.
  • ein Alignment-Modul für den Aufbau von Translation-Memorys aus getrennt gespeicherten Texten (jeweils Ausgangssprache und Zielsprache).

Was sind die Punkte, auf die man bei einem Vergleich der Systeme in puncto „Eignung für gute Übersetzungsergebnisse“ achten sollte?

  • Erkennt die Terminologie- bzw. die Qualitätsicherungsfunktion unterschiedliche Wortformen? Das ist eine häufige Schwäche vieler Systeme (Förderband/Förderbänder, Wartungsarbeiten/Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten)?
  • Ist das Terminologiemodul begriffsorientiert mit allen drei Ebenen (Begriffs-, Sprach- und Benennungsebene, so dass man bspw. auf der Sprachebene Informationen über Bedeutungsabweichungen in einer Sprache einfügen kann wie bei der Übersetzung von Mehrwertsteuer).
  • Ist es möglich, mehrere Dateien zusammenzufassen und in einem Editor gemeinsam zu übersetzen bzw. dateiübergreifende Prüfungen wie die Konsistenzprüfung durchzuführen?
  • Werden alle Formatierungselemente oder Attribute aus XML-Dateien erkannt und entsprechend geschützt?
  • Welche Produktivitätsfunktionen wie beispielsweise das AutoSuggest von SDL Studio oder das AutoWritevon Atril (Vervollständigung angefangener Wörter) bietet das jeweilige Programm?
  • Sind maschinelle Übersetzungsprogramme eingebunden? Und falls ja, sind es allgemeine Plugins wie von Google oder DeepL (wichtige Fehlerquelle) oder sind es auch Engines, die speziell mit eigenen Daten trainiert wurden?

Einige Programme bieten für besondere Aufgaben innovative Funktionen. So liefert MemoQ einen Abstandsbericht (in Englisch „edit distance report“) mit Informationen über Änderungen vom Übersetzer bzw. Revisoren an den Vorschlägen aus dem Translation-Memory. SDL bietet eine sehr große Zahl (über 300) an produktiven Apps, die eine Entwicklergemeinschaft als Add-on zu SDL Studio entwickelt.

Ferner werden diejenigen, die regelmäßig Software lokalisieren, besonderen Wert auf Funktionen legen, die die Übersetzung und Validierung von Strings aus Softwaredateien (DLLs, RC, EXE, XAML, PO usw.) unterstützen.

Neben den reinen Übersetzungsfunktionen sind für die Auswahl eines Systems die Projektmanagementfunktionen besonders wichtig. Hier ist einiges zu beachten:

  • Wie präzise lassen sich Benutzergruppen mit unterschiedlichen Rechten definieren? Es geht unter anderem um die Rechte zum Speichern, Editieren und Herunterladen linguistischer Ressourcen wie Terminologien oder Translation-Memorys.
  • Welche automatische Aktionen unterstützt das System vom Projektstart bis zur Abrechnung und zum Reporting?
  • Können vernetzte Teams gemeinsam an Projekten arbeiten und in Echtzeit aktuelle TMs (übersetzte Segmente stehen sofort anderen zur Verfügung) und Terminologien verwenden?

Das Thema Infrastruktur und Systemoffenheit ist ein kritischer Faktor. Die zwei wichtigsten Architekturen, die momentan zur Auswahl stehen, sind die serverbasierten und die webbasierten (Software-as-a-Service - SaaS) Lösungen.

In den vergangenen Jahren haben sich viele Unternehmen für einen eigenen Übersetzungsserver entschieden. Die benötigten Kernkomponenten sind dort installiert und Übersetzungspakete werden an externe Dienstleister versendet. Zu diesen Lösungen zählen bspw. der Across Language Server, der memoQ Server bzw. memoQ Cloud Server oder der SDL Worldserver.

Einige Anbieter wie Memsource oder XTM bieten ihre Produkte in der Cloud als Mietlösung (SaaS) an. Dabei werden Projektdateien sowie alle linguistischen Ressourcen (Translation-Memorys und Terminologie) im Web verwaltet. Die Infrastruktur wird vermietet. Inzwischen findet man bei einigen Produktanbietern beide Optionen.

Relevante Fragen beim Systemvergleich sind die Sicherheit der Daten, die Einhaltung der DSGVO-Vorschriften oder die Möglichkeit, offline zu arbeiten.

Für beide Varianten gibt es Argumente dafür und dagegen. Systeme wie Across erschweren oder sperren gar den Export von Projektdateien in andere Systeme (wenn beispielsweise Projektdateien mit einem externen Tool bearbeitet werden müssen). Dafür sind die erlaubten Prozesse aufeinander abgestimmt und zuverlässig.

Offene Systeme bieten mehr Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Umgebungen. Das ist zum Beispiel für die Terminologieextraktion oder den Einsatz spezialisierter Qualitätssicherungssysteme wie ErrorSpy von Vorteil. Offene Systeme sind aus unserer Sicht der bessere Weg.

Preise sind schwierig zu vergleichen. Es sind jedoch zwischen den einzelnen Anbietern unterschiedliche Philosophien festzustellen. Es ist wie beim Autokauf: manche Marken bieten einige wenige übersichtliche Pakete während andere eine billigere Einstiegslösung mit einer langen Liste von mehr oder weniger notwendigen Optionen verknüpfen. Hier gilt es also, auf das Kleingedruckte und auf die Definition der Service-Leistungen (v.a. bei vielen Versionen und häufigen Updates) zu achten. Wer das Übersetzungssystem integrieren will, muss außerdem auf die Kosten für die Nutzung der API oder des SDK achten.

Abgesehen von preislichen und technischen Fragen spielen auch menschliche Aspekte eine Rolle: Wie werden sich Veränderungen auf die Redaktion auswirken? Schulungsbedarf, Kapazitäten usw. spielen eine Rolle, denn es handelt sich hierbei um zusätzliche Aufgaben mit besonderem Know-how. Wie ist die Akzeptanz und Verbreitung der Tools bei freiberuflichen Übersetzern und Übersetzungsbüros? Gibt es genug Übersetzer im Ausland, die das Tool nutzen?

Die Entscheidungskriterien bleiben sehr individuell. Wir hoffen jedoch, mit diesen Kommentaren aus unserer 20-jährigen Praxis mit Übersetzungstechnologien etwas Licht in den Dschungel der Übersetzungssysteme gebracht zu haben.

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